Pfarrer Thomas Bachmann vor der Kamera

Bis zu 1000 Menschen erreichen die Gottesdienste auf Youtube mit Pfarrer Thomas Bachmann.

Bild: Albrecht Fietz

Youtube-Gottesdienst aus Augsburg

Willkommen in der Zukunft

Fünf Kameras, zwei Mischpulte und unzählige Meter Kabel: Die St.-Matthäus-Gemeinde in Augsburg hat in der Pandemie massiv in ihre Digitalisierung investiert – so, wie viele andere auch. In einer neuen Serie stellen wir Kirchengemeinden aus ganz Bayern und deren zukunftsweisende Ansätze vor.

Der Kirchenraum gleicht zum Teil einem TV-Studio: Es gibt Scheinwerfer, Kameras, Unmengen von Kabeln und sogar einen eigenen Regieraum. Schalldicht. Oben auf einer Seitenempore, auf Höhe des Altars. Willkommen in der Kirche St.-Matthäus im Augsburger Stadtteil Hochzoll. Willkommen in der Zukunft.

Seit November 2020 überträgt die Gemeinde jeden Gottesdienst live auf YouTube, Facebook und Bibel TV. „Wir wollen möglichst viele Menschen auf vielfältige Weise mit dem Evangelium erreichen“, betont Pfarrer Thomas Bachmann (55). Mit Erfolg: Im Schnitt schauen 80 Zuschauer live zu. Nach einer Woche haben die Videos bis zu 1000 Menschen erreicht. Trotz Pandemie hat die Gemeinde so ihr Einflussgebiet sogar erweitern können. „Wir bekommen immer wieder Dankesmails aus unterschiedlichen deutschen Städten.“ Manchmal schaffen es Bachmanns Predigten sogar bis ins Ausland. Am Gründonnerstag zum Beispiel schickte eine Frau aus Buenos Aires in der Kommentarfunktion Grüße aus Argentinien.

Technik auf der Orgelempore

Bereits 2018 hatte die Gemeinde angefangen, die Predigten der Church-Night auf YouTube und auf die eigene Homepage zu stellen. Gegen Livestreams und das Veröffentlichen ganzer Gottesdienste ins Netz aber regte sich Widerstand in den eigenen Reihen. „Und es fehlte uns die letzte Bereitschaft, diesen Schritt zu gehen“, sagt Thomas Bachmann. Dann kam Corona, und mit dem Virus die Trendumkehr: Plötzlich sollte es sogar möglichst schnell gehen mit der Digitalisierung. Die vorhandene Technik wurde ergänzt, ein eher einfaches Format gewählt: Bachmann zufolge gab es eine Predigt und Gebete, aber wenig Liturgie.

Eine Band spielte ausschließlich populäre Musik. „Unsere Technik war auf der Orgelempore aufgebaut, Kameras hatten wir an verschiedenen Stellen in der Kirche aufgestellt“, erinnert sich Bachmann. Das Angebot kam gut an. „So war es uns möglich, Menschen bei uns zu halten, die wir vielleicht sonst verloren hätten“, sagt Thomas Bachmann.

Nach der ersten Corona-Welle fällte der Kirchenvorstand die Entscheidung, trotzdem weiter zu streamen. Um die Gottesdienste durch den technischen Part nicht mehr zu stören und die Qualität der Übertragung zu verbessern, kam die Idee auf, einen eigenen Regieraum in der Kirche zu bauen. Neues Equipment sollte die Gemeinde außerdem zukunftsfähig machen und bestehende Probleme lösen, zum Beispiel die Notwendigkeit, Live- und Streammix zu trennen. Kostenpunkt unterm Strich: 40.000 Euro – und damit jede Menge Geld. „Die Spendenbereitschaft vieler Menschen, nicht nur aus der Gemeinde, ermutigte uns aber, diesen Weg zu gehen“, sagt Pfarrer Bachmann.

25 Ehrenamjtliche zählt das Church-Media-Team in Augsburg

Bild: Albrecht Fietz

Gottesdienstaufnahme in ST. Matthäus

Dank der Spenden und des unermüdlichen Einsatzes zahlreicher Ehrenamtlicher ist die Vision einer TV Regie mitten in der Kirche St. Matthäus inzwischen Wirklichkeit geworden. Im sogenannten Church-Media-Team engagieren sich heute 25 Ehrenamtliche, darunter ein Regisseur, vier Kameraleute, zwei Tontechniker und ein Grafikdesigner. Kritik an dieser Entwicklung gibt es Bachmann zufolge kaum – schließlich haben die äußeren Umstände, sprich Corona, sie hervorgebracht. „Viele sind einfach nur dankbar für alle Möglichkeiten, die es trotz Pandemie gibt.“

Kommunikation mit den Zuschauern wichtig

Bei der Einrichtung des Studios war es dem Team nach eigenen Angaben besonders wichtig, dass ein Stream nicht nur von der ganzen Crew, sondern auch von einer einzelnen Person produziert werden kann. Und auch sonst hat das Church-Media-Team einige Erkenntnisse gesammelt, die anderen Gemeinden auf ihrem Weg in die Digitalisierung helfen könnten: „Wir haben gemerkt, dass die Kommunikation mit den Zuschauern während der Streams sehr wichtig ist, da so eine Videoübertragung sehr einseitig aufgebaut ist“, sagt Pfarrer Bachmann. Deshalb versuche man immer wieder interaktive Parts einzubauen, in denen Zuschauer Fragen an den Pfarrer stellen oder an Umfragen teilnehmen können. Ebenfalls sehr wichtig: ein guter Ton. „Für Zuschauer wird es schnell sehr nervig, wenn der Pfarrer zu leise zu hören ist oder das Schlagzeug der Band konstant übersteuert“, sagt Technikleiter Christian Künkel Daher seien mehrere Mikrofone sehr hilfreich.

Für die Zukunft plant die Gemeinde unter anderem, in einen mobilen Videoregieplatz zu investieren. „In erster Linie wollen wir das Mobile Setup anderen Kirchen zur Verfügung stellen, die nicht das Budget haben, sich eigenes Equipment anzuschaffen“, so Künkel. Aber auch Schulungen in Schnitt und Kameraführung wären dann möglich. Und Streams von ungewöhnlichen Orten. Und das alles immer mit dem einen Ziel vor Augen: Auch Menschen zu erreichen, die eigentlich nicht in die Kirche gehen.